5. Sonntag der Fastenzeit
Erste Lesung
Buch Ezechiel 37,12-14.
Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zum Ackerboden Israels. Und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des HERRN.
Historische Analyse Erste Lesung
Dieser Text entstand in der Spätphase des babylonischen Exils, einer Zeit, in der das politische und religiöse Leben Israels durch die Deportation nach Babylon fundamental erschüttert war. Die Adresse sind die Exilierten, die jede Hoffnung auf eine Rückkehr ins eigene Land oder gar auf nationale Wiederherstellung längst verloren haben. Im Zentrum steht die Zusage der nationalen Wiederbelebung: Gott verheißt, nicht nur vereinzelt, sondern für das gesamte "Volk Gottes" die Gräber zu öffnen und sie zurück auf den eigenen "Ackerboden" zu bringen. Das Bild der geöffneten Gräber dient als drastische Metapher für das Ende des kollektiven Todeszustands, den das Exil bedeutete.
Der Geist Gottes wird als Lebensspender dargestellt, der das tote Gemeinschaftswesen wieder belebt und gesellschaftliche Strukturen auf dem eigenen Land ermöglicht. Der Ackerboden verweist nicht nur auf Agrarwirtschaft, sondern auf eine vollständige Wiederherstellung von Souveränität, Identität und kultischer Ordnung. Der Kern des Textes ist die Zusage, dass Gott selbst als alleiniger Akteur die Wiederherstellung der Gemeinschaft garantiert.
Psalm
Psalmen 130(129),1-2.3-4ab.4c-6.7-8.
Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort. Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen. Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.
Historische Analyse Psalm
Der Psalm ist eine Klagelied aus der Perspektive von Einzelnen oder kollektivem Israel in einer existenziellen Grenzsituation, vermutlich in einer Zeit der nationalen Krise oder liturgischen Bußpraxis. Die handelnde Figur ist ein Beter, der aus den "Tiefen"—Bilder für existenzielle Verzweiflung oder Schuld—ruft. Der Ruf nach Gnade und Vergebung wird als liturgischer Akt inszeniert, bei dem nicht die Leistung des Menschen, sondern die überlegene Vergebungsbereitschaft Gottes rituell bekräftigt wird.
Als Schlüsselbild dient das "Warten wie die Wächter auf den Morgen": Hier wird eine Haltung der gespannten Erwartung und zugleich der Ohnmacht gegenüber dem eigenen Schicksal vermittelt. Der Psalm fungiert als soziales Ritual, das kollektive Hoffnung stiftet und das Vertrauen in die Rettungsinitiative Gottes normiert. Im Zentrum steht die soziale Funktion, dass Israel sich im gemeinsamen Hoffen und geduldigen Erwarten Gottes Erlösung neu vergewissert.
Zweite Lesung
Brief des Apostels Paulus an die Römer 8,8-11.
Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Historische Analyse Zweite Lesung
Paulus wendet sich an die Christengemeinde in Rom, die aus Juden und sogenannten Heiden besteht und mit ethnischen und moralischen Identitätskonflikten ringt. Seine Adresse sind Einzelne und Kollektiv, die ihre Zugehörigkeit zu Gott nicht in Abstammung oder Gesetzeserfüllung, sondern in der Bestimmung durch den Geist verorten sollen. Der Begriff "Fleisch" steht nicht philosophisch, sondern praktisch für das Leben nach weltlichen, sterblichen Maßstäben, während der "Geist" als das Wirkprinzip verstanden wird, das Gemeinschaft und Lebensfähigkeit in Gott ermöglicht.
Die tot-lebendig-Dialektik wird konkret auf das Körperliche bezogen: Der sterbliche Körper bleibt vom Tod bedroht, aber der im Gläubigen wohnende Geist (als Kraft Gottes, die schon Jesus vom Tod auferweckte) garantiert neue Lebendigkeit. Die zentrale Autorität wird klar auf den in der Gemeinde wirkenden Geist verschoben—nicht auf persönliche Anstrengung oder die Einhaltung religiöser Vorschriften. Der entscheidende Beweggrund ist die Verschiebung des Zugangs zu Gott vom äußeren Verhalten auf die innere Lebenskraft des Geistes.
Evangelium
Aus dem Heiligen Evangelium nach Johannes - Joh 11,1-45.
In jener Zeit war ein Mann krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta. Maria war jene, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren abgetrocknet hatte; deren Bruder Lazarus war krank. sandten die Schwestern des Lazarus Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Die Jünger sagten zu ihm: Rabbi, eben noch suchten dich die Juden zu steinigen und du gehst wieder dorthin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf. Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen. Da sagte Thomas, genannt Didymus – Zwilling –, zu den anderen Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben! Als Jesus in Betanien ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. In jener Zeit waren viele Juden zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte. Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.
Historische Analyse Evangelium
Der Text verortet sich im Umfeld einer dörflichen, wohlhabenden Familie nahe Jerusalem zur Zeit Jesu und nutzt bekannte Freundschaftsbeziehungen als Ausgangspunkt. Die sozio-religiöse Spannung entsteht aus der Bedrohung durch Tod, Krankheit und Trauer, verstärkt durch die Anwesenheit einer trauernden Gemeinschaft und der Erwartung, dass gerade enge Freunde Macht über das Unabwendbare haben könnten. Wesentlich ist dabei das Image des "Grabes" als absolutes Ende des Lebenslaufs und der Szene der öffentlichen Trauer als kollektivem Drama.
Der Text inszeniert Jesu Macht über Leben und Tod im Schnittpunkt von persönlicher Beziehung ("Der, den du liebst"), öffentlicher Aufmerksamkeit ("Viele Juden waren gekommen"), und theologischer Zuspitzung ("Ich bin die Auferstehung und das Leben"). Die Erzählung balanciert zwischen privaten Reaktionen (Tränen, Erschütterung) und der sozial sichtbaren Handlung (Wegrollen des Grabsteins, der Ruf "Komm heraus!"). Der Verweis auf den "vierten Tag" hebt explizit die Hoffnungslosigkeit hervor: Nach damaligen Vorstellungen war der Tod unwiderruflich. Die Rückkehr von Lazarus wird als öffentliches Zeichen positioniert, das die Gottessohnschaft Jesu und die Brechung der letzten Barriere—den Tod—sichtbar macht. Im Fokus steht das dramatische Durchbrechen der Grenzlinie zwischen Tod und Leben als Demonstration göttlicher Autorität im öffentlichen Raum.
Reflexion
Zusammenspiel von Wiederherstellung, Hoffnung und schöpferischer Kraft
Die ausgewählten Texte sind so miteinander verbunden, dass sie alle Varianten des Themas Grenzüberschreitung zwischen Tod und Leben entfalten. Die Zusammensetzung der Perikopen betont als Hauptthese die Rolle von öffentlichen Zeichenhandlungen, kollektive Deutung von Leid und der Transformation der sozialen Identität durch gemeinsames Hoffen. Der gemeinsame Nenner ist der Umgang der Gemeinschaft mit Endlichkeit, Krise und der Suche nach Bestätigung, dass eine Erneuerung möglich bleibt.
Das Buch Ezechiel mobilisiert das Bild der nationalen Totenerweckung als großangelegte Hoffnungserzählung nach kollektiver Zerstörung und Identitätsverlust. Der Psalmus übersetzt dies in persönliche und liturgisch-rituelle Praxis: Lament und kollektives Hoffen werden zur Basis sozialer Erneuerung und gelebtem Glauben. Die paulinische Lesung verschiebt den Fokus auf die innere Gestaltungskraft: Nicht menschliche Leistungsfähigkeit, sondern die Anwesenheit des Geistes als treibende Kraft garantiert eine neue Qualität des Lebens, jenseits kultureller oder leiblicher Grenzen. Im Evangelientext wird schließlich der Konflikt um Tod und Leben zum öffentlichen Drama—die Auferweckung des Lazarus bildet eine sichtbare Schnittstelle, an der die anderen Motive praktisch anschaulich werden.
Alle Texte nutzen Erzählstrategien der Zuspitzung und Überbietung: Das Bild vom Grab wird zuerst als Symbol kollektiven Untergangs eingeführt, dann liturgisch betrauert, geistlich neu gedeutet und schließlich in der Handlung Jesu de facto aufgehoben. Relevant bleibt dies, weil die kollektive und individuelle Fähigkeit, mit Endlichkeit, Krise und Zugehörigkeit umzugehen, in jeder Epoche neu durch gemeinsames Erzählen, Deuten und konkrete Praxis ausgehandelt werden muss. Der Gesamtbogen der Lesungen zeigt, dass gesellschaftliche Erneuerung und neue Lebendigkeit nur dort aufkommen, wo Hoffnung und Handlung öffentlich und gemeinschaftlich vollzogen werden.
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